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Ni hao lai deguo,

Halbzeit. Leider gab es gestern wieder keinen Tagebucheintrag, wegen Kommunikationspannen. Aber nach Tag 5 auf, an, in, unter der Mauer sind wir bei der Hälfte der veranschlagten Zeit und bei der Hälfte der direkten Strecke zwischen Qinhuangdao und Peking. Qianxi bis gestern, nun zwei Nächte Zunhua – so heißen die Städte, wo unsere chinesischen Betreuer uns Unterkunft besorgt haben. Nördlich von beiden liegt der Stausee Panjiakou. In den Bereich dieses Stausees hat sich Guido inzwischen vorgekämpft. Von der Vorstellung, dass „die Mauer“ so etwas wie ein im großen und ganzen durchgängiges Bauwerk ist, das da und dort eben nicht mehr gut in Schuss und im Verlauf der Jahrhunderte verschwunden ist, hatten wir uns ja spätestens an Tag 2 verabschieden müssen. Aber hier in den zum Teil recht zerklüfteten Tälern im Norden der Provinz Hebei scheint die Mauer schon vor Jahrhunderten nur abschnittsweise vorhanden gewesen zu sein.

Foto: Christian Habel – Orientierung am Garmin Edge im Zustieg zur Mauer im Bereich Tiemenguan

Foto: Christian Habel – Orientierung am Garmin Edge im Zustieg zur Mauer im
Bereich Tiemenguan

So viel Chinesisch haben wir inzwischen gelernt: „guan“ heißt „Pass“ oder „Übergang“, und wenn wir einen „guan“ ansteuern, thront die Mauer mit Wachttürmen gespickt auf einem Hügel, Bergrücken oder auch mal direkt auf dem Gipfel, um einen Übergang vom einen ins andere Tal zu kontrollieren; „kou“ heißt „Öffnung“ oder „Durchgang“, und an einem „kou“ hängt die Mauer gleichsam am Hang, fast wie die Burgen im Mittelrheintal, und riegelt den Weg im Tal ab. Für Guido macht das aber wenig Unterschied. In beiden Fällen ist die Mauer selbst, der Weg hin von einem Gebirgsdorf und wieder zurück z.T. irrwitzig steil. Und nach wie vor ist es oft unmöglich, von der Mauer ins Gelände abzusteigen, um den nächsten begehbaren Abschnitt zu erreichen. Nach wie vor geht es oft in umgekehrter Richtung zurück und mit dem Auto zum nächsten Mauerabschnitt.

Hier, so scheint es, sind wir auch in dem Teil der Strecke, die wir uns ausgedacht hatten, wo die Mauer insgesamt am wenigsten gut erhalten ist. In den nächsten Tagen stehen immer mehr touristisch bekannte Abschnitte an, wo die Mauer saniert wurde: Huangyaguan, Gubeikou, Mutianyü. Hier ist man von derlei noch weit entfernt. Projekte gibt es eine ganze Reihe, die Mauerabschnitte auch hier aufzuwerten. Für die Sanierung muss aber fast überall zunächst viel Geld in die Hand genommen werden. Dennoch scheint es ernst zu nehmende Interessenten zu geben.

Foto: Christian Habel – Attraktion Schlauchwechsel: nicht nur Guido, auch sein Arbeitsgerät mit elektronischer Federung zieht regelmäßig die Massen an

Foto: Christian Habel – Attraktion Schlauchwechsel: nicht nur Guido, auch sein
Arbeitsgerät mit elektronischer Federung zieht regelmäßig die Massen an

So langsam wird auch immer klarer, dass das, was sich Guido da in den Kopf gesetzt hat, in der Tat für die Einheimischen eine echte Attraktion ist. Hier in den etwas abgelegeneren Bereichen des Mauerverlaufs wird deutlich, dass wir Mauerabschnitte betreten, Guido sie sogar befährt, wo auch Chinesen, einschließlich der begleitenden Fernseh- und Printjournalisten, noch nie waren. Und es wird deutlich, dass Guido für sein Projekt so etwas wie eine Generalausnahmegenehmigung bekommen hat. Mangels echter Verständigungsmöglichkeit können wir nur raten. Aber es sieht so aus, dass bisher noch nie einer auf die Idee gekommen ist, die Mauer obendrauf zu beradeln... zumindest da, wo das mit vertretbarer Gefahr geht. Und es sieht so aus, dass unsere Betreuer von der Behörde für auswärtigen Kulturaustausch immer wieder klar machen, dass Mauer-Beradeln garantiert nicht zum Volkssport wird, weil zu gefährlich und weil, so scheint es, behördlich auch nicht gewünscht. Also zieht Guido buchstäblich in den verschiedenen Dörfern und kleinen Städten, von wo wir jeweils die Mauer erklimmen, die Massen an. Denn er ist der Paradiesvogel, der nicht nur die Idee hatte, sondern der es auch macht und dafür die Genehmigung bekommen hat.

Foto: Christian Habel – „Gerölllauf“ auf der abgesackten und eingefallenen Mauer im Bereich Malanyü

Foto: Christian Habel – „Gerölllauf“ auf der abgesackten und eingefallenen
Mauer im Bereich Malanyü

Guidos Entourage ist inzwischen auch auf 20 - 25 Leute angewachsen. Wo die Gruppe erscheint, um einen Abschnitt Mauer unter Schuhe oder Reifen zu nehmen, sind nun, neben der Presse, durchweg auch die Vertreter von Ort, Gemeinde, Stadt, Kreis da und präsentieren nachgerade ihren Abschnitt Mauer. Jedenfalls solange der nicht privat ist. Denn auch das kam schon vor: Da steht die Mauer, könnte eigentlich erklommen werden, aber das Land, auf dem sie steht, ist inzwischen Privatgrund bzw. Grund, der im Rahmen eines gedachten Sanierungsprojekts vergeben wurde, und darf nicht betreten werden. Die örtlichen Vertreter reisen dann schon mal gleich weiter mit und sind auch beim nächsten Abschnitt noch mit dabei. Ob das daran liegt, dass diese Abschnitte nicht sanierter Mauer sonst wohl so gut wie kein Interesse finden, können wir nicht einschätzen.

Foto: Christian Habel – Der Edge von Garmin lügt nicht: 184 hm Anstieg auf gut 1 km

Foto: Christian Habel – Der Edge von Garmin lügt nicht:
184 hm Anstieg auf gut 1 km

Für Guido ist damit aber eine neue Disziplin hinzugekommen, die wiederum Ausdauer erfordert. Er ist zwischenzeitlich tatsächlich zu einer Art Kulturbotschafter geworden. Weil die lokale Politik sich rund um das Projekt präsentiert, spricht sich das von Ort zu Ort rum, und ohne Zusatztermin mit den örtlichen Honoratioren, oft mit Kurzbesuch eines unweit der Mauer gelegenen Tempels oder Museums, geht es kaum mehr ab. So ging es heute z.B. in eine Ziegelei, die, wenn wir’s richtig verstanden haben, schon Ziegeln zum Bau der Mauer gebrannt haben soll.

Foto: Christian Habel – Kultur am Wegesrand: kleine Pagoden, Tempel, eine Ziegelei, die schon Ziegel für die Mauer gebrannt haben soll

Foto: Christian Habel – Kultur am Wegesrand: kleine Pagoden, Tempel,
eine Ziegelei, die schon Ziegel für die Mauer gebrannt haben soll

Guido schlägt sich derweil auf der Mauer mit den bekannten Problemen rum, die nicht dadurch einfacher werden, dass sie nicht mehr neu sind. Gestern passierte es tatsächlich zum erstenmal, dass er von einem Mauerabschnitt herabradeln, auf einer Straße den nächsten ansteuern konnte und nur noch das Rad auf die Krone des nächsten Abschnitts tragen brauchte. Heute hingegen bedeutete das Ende eines Mauerabschnitts 15 m ins Nichts in zwei Stufen. Für das Fortkommen nach unten hing eine reichlich experimentelle Leiter an der Mauer, die noch sehr stark an den Busch erinnerte, aus dem sie geschnitten und zusammengebunden worden war. In den letzten beiden Tagen musste auch immer wieder entschieden werden, das Rad gar nicht erst mit auf die Mauer zu nehmen. Während Guido immer noch Abschnitte mit dem Rad zurücklegt, sind die meisten Abschnitte hier so mit Geröll übersät oder schlicht abgesackt bis eingefallen, dass an Radfahren nicht zu denken ist. Das wird wohl in den kommenden Tagen besser, da, wo die Mauer schon stärker saniert ist.

Foto: Christian Habel – Einer der Abschnitte, die kein Mountainbike dulden; im Bereich Malanyü

Foto: Christian Habel – Einer der Abschnitte, die kein Mountainbike dulden;
im Bereich Malanyü

Wir sind gespannt, wie viele Lokalpolitiker noch zur Entourage stoßen. Guido flaxte schon mal: „Wenn das so weitergeht, brauchen wir beim Einlauf in das Nationalstadion auch wirklich alle Plätze.” Nur etwas wärmer dürfte es noch werden. Auch wenn das Wetter Guido nicht wirklich zu schaffen macht, machen 3 - 8°C ebenso wenig Laune für ein Outdoorprojekt.

Zaijian, Marco.

© Text und Bild Guido Kunze, Christian Habel, Marco Rühl.

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