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Ni hao lai deguo,

Drei Viertel der Projektstrecke sind heute um. Zwei, eigentlich nur noch 1,5 Tage auf der Mauer bis nach Badaling verbleiben, und danach der Transfer nach Peking zum Nationalstadion. Es ist Zeit, eine vorläufige Bilanz zu ziehen. Auch aus den Tagebucheinträgen in die Heimat spricht, dass neben der sportlichen Herausforderung, die bereits größer war als gedacht, viele logistische, sprachliche, interkulturelle Herausforderungen zu meistern waren.

Foto: Christian Habel – Balanceakt auf der Mauer mit Rad auf der Schulter, aufgenommen mit Helmkamera auf der Etappe von Huangyaguan nach Jinshanling

Foto: Balanceakt auf der Mauer mit Rad auf der Schulter, aufgenommen mit Helmkamera auf der Etappe von Huangyaguan nach Jinshanling

Zu den logistischen Herausforderungen gehört der immer wieder sprunghaft wechselnde Tagesplan. Auch wenn von chinesischer Seite das Projekt gut organisiert ist und wir mit viel offeneren Armen empfangen wurden als befürchtet, ist bisher noch kein Tag so verlaufen wie beim Briefing am Vorabend besprochen. Heute sind wir gar in einem ganz anderen Ort als geplant unter: Huairou anstelle von Mutianyu, beides nördlich von Peking im Kreis Muyin, nicht zu weit auseinander. Funktionierende Heizung gibt es im Hotel auch heute nicht; wieder bei etwa 0°C. Übernachtungen sind das erste, was ganz anders läuft als geplant und bei vergangenen Ultraprojekten praktiziert. An nächtliches Laufen oder Fahren auf der Mauer ist nicht zu denken. Das wäre auf den immer nur einige Kilometer langen, top restaurierten Abschnitten möglich, aber selbst da wegen so mancher steilster Treppen immer noch sehr gefährlich. Auf ca. 80 - 85 % der von Guido belaufenen oder befahrenen Abschnitte wäre es selbstmörderisch. Insofern war es gut, dass die Betreuer von der Behörde für auswärtigen Kulturaustausch schließlich Übernachtung in einer Unterkunft durchgedrückt haben statt in der Nähe der Mauer, und sei es „wild“ im Begleitfahrzeug.

Gar nicht auf der Rechnung hatten wir bei der Streckenplanung die vielen Aufstiege zur und Abstiege von der Mauer. Dass sie großteils auf Bergrücken steht, war bekannt. Aber wir waren nicht davon ausgegangen, dass Guido mehrmals täglich 200 bis 500 Höhenmeter nach oben oder nach unten bewältigen muss, weil die Mauer irgendwo im Gelände einfach nicht weitergeht. Unsere Vorstellung war gewesen, dass es den Tag über zwar auf und ab geht, aber doch im großen und ganzen auf der Höhe der Bergrücken. Aus geplanten 10 Tagesetappen von etwa 100 km zu Fuß und zu Rade, die sich auf 900 bis 1000 Gesamtkilometer summiert hätten, sind deshalb im Schnitt rd. 50 - 55 km/Tag Mauer oder Mauerverlauf geworden, plus täglich etwa 8 - 10 km Auf- und Abstieg. Am Ende werden deshalb rund 600 - 700 km Strecke stehen. Das wir dennoch im geplanten Zeitplan sind, liegt daran, dass Guido nichts anderes übrigbleibt, als sich den Vorstellungen der chinesischen Betreuer zu beugen, Strecken zwischen den Mauerabschnitten nicht auf dem Rad, sondern im Auto zu überbrücken. Als gescheitert bezeichnet Guido das Projekt dennoch nicht, auch wenn es anders wurde als geplant. Denn diese etwa ein Viertel kürzere Strecke hat es doppelt in sich: Jeden Tag sind 3000 - 5500 Höhenmeter zu bewältigen, v.a. je nach Anzahl der Auf- und Abstiege zwischen Mauer und „Zustiegsort“, aber auch die Mauer selbst steht für viele Höhenmeter. Am Ende werden es wohl an die 40 000 Höhenmeter sein. Zum Vergleich: Als er 2008 den Parcours der Tour de France nonstop abfuhr, erreichte er am Ende 52 000 hm, alle auf dem Rad, bei mehr als der dreifachen Streckenlänge, 3500 km insgesamt.

Foto: Christian Habel – Aufbruch zu den nächsten Kilometern solo auf der Mauer im Bereich Xiliang/Simatai

Foto: Christian Habel – Aufbruch zu den nächsten Kilometern solo auf der Mauer im Bereich Xiliang/Simatai

Glücklicherweise findet sich Guido dank Garmin-Navigation auch in schwierigstem Gelände solo gut zurecht, und die Dämpfungstechnik am Ghost-Mountainbike leistet weiter ganze Arbeit und macht ihm das Leben leichter. Im übrigen wird uns immer klarer, dass vielleicht der größte Erfolg ist, dass das Projekt überhaupt stattfindet. Seitdem wir in der Stadtprovinz Peking sind, wird vieles touristischer. Das hat den Vorteil, dass das Essen (und vor allem der Kaffee und Tee) dem europäischen ähnlicher wird, weil man sich hier auf die Touristen aus Europa oder Nordamerika einstellt. Das hat aber den Nachteil, dass die eigentlich genehmigte Ausnahme, dass die Mauer mit dem Rad befahren werden darf, immer aufs neue „erdiskutiert“ werden muss. Die Hochkaräter unter unseren Begleitern stehen anderen Hochkarätern der staatlichen Denkmalschutz und -pflege gegenüber. Es hat auch den Anschein, dass der Nachhall des Projekts hier, wo man sich auf den „Standardtourismus“ verlässt, etwas geringer sein wird. Aber seine Rolle als Botschafter seiner Heimat Thüringen dürfte Guido übererfüllt haben. Der Start in Qinhuangdao war sogar der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua eine bebilderte Meldung wert. Hier hingegen kann es morgen, am symbolträchtigsten Abschnitt, Mutianyu, der als Wall vor den Kaisergräbern der Ming-Dynastie ausgebaut wurde, sogar sein, dass selbst alles „Erdiskutieren“ nicht hilft. Sagen unsere chinesischen Begleiter.

Reichlich daneben lagen wir auch mit unseren hochgerechneten rd. 300 000 Stufen. Die dürfte Guido bereits vorgestern hinter sich gebracht haben. Keiner hat wirklich auch nur annähernd mitgeschätzt, auch Guido nicht. Aber eine halbe Million Stufen dürften näher am Effektivprogramm sein. Erschwerend kommt hinzu, dass die Stufenhöhe auch auf den sanierten Abschnitten mächtig wechselt. Nach 20 oder 30 Stufen in der „
normalen“ Stufenhöhe von 15 - 25 cm oder sogar noch flacher geht es unvermittelt mit 50- oder 60 cm-Stufen weiter. Zum Glück hält Guidos leicht lädierter und gestern
auch geschwollener linker Knöchel dank Tape.

Foto: Christian Habel – Auf der und durch die Mauer wachsende Dornsträucher fordern die Reifen

Foto: Christian Habel – Auf der und durch die Mauer wachsende Dornsträucher fordern die Reifen

Was es zu Fuß langsamer geht als gedacht, lässt sich auch mit dem Rad nicht herausholen. Wo die Mauer abgesackt oder eingefallen ist, kommt das Rad meist nicht in Frage. Wo sie saniert ist, ist der Untergrund glatt und beim leider immer noch schlechten Wetter feucht, so dass selbst mit den eigens größer gewählten Stollenrädern kein wirklicher Grip zu kriegen ist. Entsprechend muss sich Guido auch auf dem Rad in Vorsicht üben. Heute waren nach Nebel am Morgen Regen und Schneefall Guidos Begleiter auf der Mauer, was die Angelegenheit zusätzlich erschwerte. Morgen soll es endlich wärmer werden. Wir werden sehen.

Egal was die letzten beiden Tage auf der Mauer bringen, ein Ziel hat Guido jedenfalls erreicht, auch wenn das erst kenntlich werden wird, wenn alles herum ist und Christopher Landerer und Christoph Habel aus dem Rohmaterial mit Hilfe des Logbuchs von Rolf Müller die Film- bzw. Fotodokumentation erstellen. Am Ende wird dank Guidos unermüdlicher Auseinandersetzung mit dem schwierigen Gelände eine Gesamtperspektive auf die Ming-Mauer entstehen, die die wohlbekannten Bilder von den touristischen Highlights schlicht nicht vermitteln können. Dafür hat sich das Training im Vorfeld jedenfalls gelohnt. Und nötig war es auch. Vielleicht muss Guido nicht so sehr an seine Ausdauergrenzen gehen wie bei anderen Projekten. Aber ohne das intensive Treppentraining an der Oberhofer Hans-Renner-Schanze hätten die Oberschenkel hier sicher bereits schlapp gemacht.

Zaijian, Marco.

© Text und Bild Guido Kunze, Christian Habel, Marco Rühl.

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