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Ein bisschen war es schon ein Stachel im Fleisch, “unfinished business”, wie man in Australien sagen würde. Die Route ist nicht die längste, die ich mir bisher vorgenommen habe. Sie ist über weite Strecken auch topographisch nur durchschnittlich anspruchsvoll. Nur das Wetter – sengende Hitze in der Westaustralischen Wüste – und die psychische Belastung – Steppen- und Wüsteneinsamkeit auf buchstäblich Tausenden Kilometern – sind hochextreme Alleinstellungsmerkmale. Mit entsprechender Vorbereitung in Sachen Kondition und guter Organisation des Projekts gehört sie auf den ersten Blick also zu den „normalen” Herausforderungen im Extremausdauerbereich.

Aber dennoch hatte ich mächtig Respekt, als es zum Start am 13.10. losging. 2007 war der Versuch, Australien zu durchqueren und vielleicht sogar schneller zu sein als alle anderen bisher, gescheitert, obwohl ich eigentlich „gut im Rennen” gelegen hatte. Gescheitert war er daran, dass sich nach gut 2 Tagen Wunstellen am Gesäß entzündeten. Dabei waren Zeit und Distanz, als der Anfang vom Ende kam, auch 2007 nichts gewesen, was mir hätte Angst machen können. Also kam der Respekt sicher auch daher, dass mir gar nicht so richtig klar war, warum ich so viel mehr Schwierigkeiten mit dem Hintern gehabt hatte als bei anderen Gelegenheiten.

2008 hatte ich dann als Vorbereitung und letzten Härtetest die Tour de France nonstop auf der Original-Tourstrecke absolviert. Mit „nur” gut 3550 km kürzer als die Australiendurchquerung, aber topographisch viel anspruchsvoller, vielleicht auch anspruchsvoller als andere „klassische” Ultrastrecken, weil in den Pyrenäen und den Alpen ein Haufen Höchstschwierigkeiten direkt aufeinander folgen. Zum zunächst für Herbst 2008 geplanten Australienprojekt kam es aber nicht, v.a. weil im August der Laufladen 2 G, den ich mit meiner Freundin Gaby führe, neue Räume in Mühlhausen (Thür.) bezog.

Nun also 2009. Ein Arzt an Bord hätte 2007 zumindest die Entzündung der Wundstellen verhindern können, so dass es nicht zur Aufgabe gekommen wäre, gleich welche Zeit es am Ende geworden wäre. So hatte sich Peter Ihle, Arzt an den Hufeland-Kliniken in Mühlhausen im Herbst 2007 spontan bei mir gemeldet und erklärt, beim nächsten Versuch mit dabei sein zu wollen. Dass er dabei war, war eine enorme Beruhigung für mich, frei nach dem Motto: Das Ersatzteil, das an Bord ist, braucht man garantiert nicht. Seinen Kollegen Andreas Gräbedünkel hatte er auch gewinnen können. Als IT- und Kommunikationsfachmann sollte er dafür sorgen, dass wir auch in der australischen Einsamkeit über Mail und Satellit stärker als 2007 mit der Außenwelt im Kontakt bleiben.

Daneben begleiteten mich erprobte Teammitglieder, die entweder beim Race Across America oder beim ersten Australien-Versuch dabei gewesen waren, das Ganze wie bewährt koordiniert von Gaby. Als letzten Härtetest war ich diemal Anfang September, die Hälfte zusammen mit Bahnolympiasieger Daniel Becke, vom Bodensee bis Kap Arkona auf Rügen nonstop gefahren und hatte festgestellt, dass der Körper bestens beieinander war. Die Rahmenbedingungen waren also gut, den Stachel aus dem Fleisch zu entfernen.

Die strategische Entscheidung mit der größten Tragweite war, die Fahrtrichtung im Vergleich zu 2007 umzukehren: Start nicht in Perth an der Westküste, sondern in Sydney im Osten. Ob ich damit am Ende richtig liegen würde, war kaum abzuschätzen. Zwar kann man sich in dieser Richtung langsam an die öden Weiten Australiens gewöhnen, weil man nicht unvermittelt aus der Millionenstadt in die Wüste fährt, wie es 2007 mit Perth und Western Desert der Fall war. Aber andererseits steht das höchste Gebirge der gesamten Tour direkt nach dem Start an, und zwar von Osten z.T. reichlich steil, während die Westflanke gleichmäßiger und flacher ansteigt. Und ob es wirklich ein Vorteil ist, in das schlimmste Stück Ödnis, die Nullarbor-Ebene in der Westaustralischen Wüste, mit fast 2000 km in den Beinen hineinzufahren, war auch nicht ausgemacht.

Hauptgrund, warum ich die Überlegung zur Richtungsumkehr überhaupt erst gehabt hatte, war der Wind gewesen. Der hatte mir 2007 Richtung Osten bis zum Abbruch fast immer ins Gesicht geblasen. In dem Bereich, den ich vor zwei Jahren schon einmal mit dem Rad zurückgelegt hatte, ging die Rechnung auch auf. Der Wind war weitgehend günstig. In dem Teil der Strecke, der auf dem Rad neu für mich war, herrschte allerdings wieder auf mehr als der Hälfte Gegenwind, z.T. ziemlich stark. Auch aus Osten kommend dauerte es bis zum vierten von knapp acht Tagen im Sattel, bis der Wind und ich Freunde wurden.

Beim Material war das Prunkstück am Lector SL, mit dem mich Ghost ausgerüstet hatte, die elektronische Schaltung Di2 der Dura-Ace-Gruppe von Shimano. Gedacht war sie v.a. für das letzte Drittel, wenn durch Ermüdung von Mensch und Material das Schalten unsauberer werden kann, Umwerfer und Schaltwerk bei vergangenen Projekten oft nachjustiert werden mussten. Bei der Di2 reicht ein leichter Druck, und das elektronische Schaltwerk kümmert sich um den Rest. Weil es schon knapp 100 km nach dem Start in die Blue Mountains und dort ziemlich bergan ging, bekam die Di2 allerdings gleich richtig Arbeit. Am Osthang und in den Blue Mountains hatte ich auch am meisten mit dem oft böigen Wind zu kämpfen. Es wurden unüblich viele Schaltvorgänge nötig. Das ist der einzige Grund, warum wir aus Vorsicht nach 3200 km den Akku wechselten, obwohl er noch keine Anzeichen von Schwächeln zeigte. Er hätte wohl die restlichen 800 km auch noch durchgehalten. Diese führten aber großteils durch Wüste und Steppe, und wir wollten das Risiko nicht eingehen, eine Werkstatt zur brauchen, die auf den nächsten 300 km nicht aufzutreiben ist, nur weil der Akku unvermittelt aufgegeben haben sollte.

Das Di2-Exemplar an meinem Ghost-Rad schaltete sich butterweich und wunderbar präzise. Spaß machte vor allem, dass sich die Umwerfer je nach Kettenstellung über Blatt und Ritzel automatisch in der Querachse nachjustieren: kein Schleifen, kein Verkanten der Kette. Und seinen Zweck hat es ebenfalls mehr als erfüllt. Noch in Perth, als ich selbst phasenweise ausgelaugt war, als ich auch mal aus Übermüdung mit Halluzinationen zu kämpfen hatte, schaltete die Di2 noch so gut und genau auf leichten Fingerdruck wie in Sydney.

Zu erwähnen ist auch, dass das restliche Material sich zu keinem Zeitpunkt eine Blöße gab. In Abstimmung mit Paul Lange Bikeparts hatte ich Shimano WH-7850 C24 als Laufräder montiert, weil sie relativ flexibel sind, und als leichte, robuste und laufsichere Carbonreifen die Michelin Krylion. Beides war vor allem für den rauen Asphalt gedacht, der insbesondere in den abgelegenen Teilen der Strecke wartet. Nicht ein einziges Mal mussten wir ein Rad neu zentrieren, mussten wir uns um die Speichen Sorgen machen. Nicht einmal ein Schlauch- oder Mantelwechsel wurde nötig. Dass nicht ein einziger Pannenstopp erforderlich war, gehört wahrscheinlich zu den wichtigsten Gründen dafür, dass ich am Ende nicht nur schneller war als der im Guinness-Buch eingetragene Geschwindigkeitsrekord aus dem Jahr 2006 des Australiers Richard Vollebregt von 8 Tagen, 10 Stunden und 58 Minuten, sondern sogar einiges schneller als 8 Tage.

Und das Gesäß? Meine „Sollbruchstelle”. Es meldete sich wieder. Wieder nach gut zwei Tagen im Sattel. Das mitgeführte Ersatzteil brauchte ich also doch. Aber Peter bekam die Wundstellen, die sich einstellten, rasch in den Griff, indem er bei strikter Hygiene und Desinfektion aller Kleidung vor dem Anziehen die Gesäßcreme durch ein hygroskopisches Pflaster ersetzte.

Am Ende hatte es sich gelohnt, die Fahrt als Rekordversuch beim Guinness-Buch anzumelden. Zwar sah es am Anfang, bei Gegenwind und z.T. schlechtem Wetter gar nicht danach aus. Aber dank schließlich besserer äußerer Bedingungen, eines gut funktionierenden Teams und meiner gezielten Vorbereitung konnte ich den Rekord im Guinness-Buch um über einen halben Tag verbessern. Ich bin auch zuversichtlich, dass die Prüfer des Guinness-Buchs unsere Dokumentation akzeptieren. Denn noch in den abgelegensten Gebieten fand mein Team die Zeugen, die dokumentierten, dass ich wirklich mit dem Rad dort durchkam. Nach 2007 vorsichtig geworden, war diesmal Ankommen das Ziel gewesen, möglichst in 8 Tagen, also weniger als 8 x 24 Stunden. Denn bei über 180 Stunden Dauertreten gibt es kein Tag und Nacht im herkömmlichen Sinn mehr, nur noch Hell und Dunkel, die sich abwechseln. Ich war v.a. gegen Ende ein paarmal an der Grenze meiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Umso schöner war es, dass ich nach der Abfahrt vom Darling Scarp nach Perth hinein noch fit und wach genug war, die Ankunft richtig zu genießen, in den Wissen, dass der Guinness-Rekord geknackt war.

Da war es dann auch zu verschmerzen, dass ich mitten in der Nacht ankam, genau 02:30 Uhr Ortszeit, 05:30 Uhr Sydneyer Zeit, nach 7 Tagen, 19 Stunden, 5 Minuten. Den „Preis” zahle ich gern dafür, dass ich weit schneller war, als ich es mir erhofft hatte. Und nach der Ankunft in North Beach, der Strandvorstadt von Perth, schloss sich der Kreis: Auf dem Campingplatz, von wo wir 2007 aufgebrochen waren, übernachteten wir, als der Stachel aus dem Fleisch entfernt war.

[Tagebuch]

13.10.2009 • Sydney (Downtown) - Penrith - Blue Mountains - Dubbo
Der Start an Sydneys Oper sollte eigentlich symbolträchtig sein, ein bisschen feierlich und sogar ein wenig bedeutungsschwanger. Denn ich war ja auch als Botschafter des Rotary Club International unterwegs. Rotary setzt sich u.a. gegen Kinderlähmung ein und der Termin der war war u.a. so gelegt worden, weil am 24.10.2009 der Welttag gegen Polio von Rotary International begangen wurde und ich an diesem Datum in Perth angekommen sein wollte. Aber irgendwie hatte es die Sektion für New South Wales nicht geschafft, einen Vertreter zu schicken. Der deutsche Generalkonsul in Sydney war da, geleitete mich nach dem Start sogar aus der Stadt heraus. Aber da wir auf dem Weg zum Start im Berufsverkehr hängen geblieben waren und mangels lange vorher und auf verschlungenen Pfaden beantragter Sondergenehmigung eigentlich gar nicht an der Oper hätten parken dürfen, war der Start um 10:25 Uhr Ortszeit zwar dank der konsularischen Vertretung ein bisschen feierlich, aber sonst eher hektisch. Im Straßengewirr Sydneys, mit vielen Ampelhalten, fiel es schwer, den Rhythmus zu finden. Kaum aus dem Großraum Sydney heraus, führte die Strecke auf die Autobahn. Was sonst nur eine – aus deutscher Sicht – Kopfschütteln erzeugende Verkehrsfunkmeldung wäre (ein Radler auf der Autobahn!), bereitete uns bald Kopfzerbrechen. Auf der breiten M4 machten sich starke Fallwinde von den Blue Mountains zum Pazifik, stets mir direkt ins Gesicht, mächtig bemerkbar. Und in ebendiesen Blue Mountains war am Mount Boyce mit 1093 m nach etwa 100 km auch schon der höchste Punkt der gesamten Tour erreicht. Ausgerechnet da oben war bei unbeständigem Wetter im Niederschlag auch mal ein Hagelschauer dabei, und weil auch nach dem Pass die Windrichtung nicht günstiger wurde, mussten wir den ersten Tag unter dem Motto „misslungene Generalprobe = gelungene Premiere” abheften.

14.10.2009 • Dubbo - Nyngan - Cobar - Broken Hill
Die Nacht zum 14.10. forderte nicht nur mir, sondern auch meiner Craft-Funktionskleidung alles ab. An der Westflanke der Blue Mountains tummelt man sich im Bereich Bathurst und Orange noch auf jenseits 500 m. Plus schlechtes Wetter. In der Nacht gingen die Temperaturen auf nur + 3°C zurück. Zum Frösteln aus Müdigkeit, das sich gegen 04:00 Uhr manchmal einstellt, kam also „ganz normales” Frösteln aus Kälte. Und wenn ich auch hinter dem Mount Boyce nicht mehr gegen Wind und (!) Steigung kämpfte, blieb mir der ungünstige Wind erhalten und die Strecke ziemlich hügelig. Dass sie mehr als das war, was Radtourenführer wellig nennen, zeigte mir mein Garmin Edge: bei Kilometer 180 waren bereits 3200 hm gesammelt. Dubbo erreichte ich zwar wie geplant früh am 14.10., aber nach 24 Stunden wollte ich eigentlich einiges weiter an Dubbo vorbei sein, als ich es war. Zwar war im landwirtschaftlich geprägten Hügelland vor und nach Dubbo der Wind nicht mehr durchweg so stark wie am Vortag, aber immer noch ausreichend stark, um mir das Leben schwer zu machen, und böig obendrein. Immerhin verlor ich keine weitere Zeit auf die geplanten Tagesleistungen von 500 bis 530 km, aber gutmachen konnte ich von der zwischen Sydney und Orange liegen gelassenen Zeit auch erst mal nichts.

15.10.2009 • Broken Hill - Peterborough - Orroroo - Port Augusta
Vor und nach Broken Hill, der letzten größeren Ansiedlung vor der Grenze zwischen New South Wales und South Australia, konnten wir uns langsam an die australische Steppe gewöhnen. Immer öfter bestanden die Ortschaften ausschließlich aus Tankstelle (immer), Pub (meistens), Laden (manchmal) und Gasdepot (selten). Wohnhäuser? Fehlanzeige. Die paar Gebäude rund um die Tankstelle dienen also wohl nur als Versorgungsstation der Farmen in der Gegend. Broken Hill sollte eigentlich nach ca. 50 Stunden erreicht sein. Doch auch hier – und den ganzen dritten Tag im Sattel hindurch – wurde die „Verspätung” des ersten Tages kaum kleiner. Der Wind wurde entweder etwas günstiger, oder ich hatte mich zumindest mental an ihn gewöhnt. Er machte mir weniger aus. Allerdings hing jetzt der Name Eucla in der Luft. Eucla war zwar noch fast 2000 km entfernt, aber 2007 war Eucla der Anfang vom Ende gewesen, wegen der offenen Wundstellen am Gesäß, die sich später entzündeten. Tag 3 und 4 hindurch grübelte ich nicht nur, wie ich die Zeit wieder aufholen sollte, wenn ich in höchsten 8 Tagen ankommen will, sondern auch, warum mir der Hintern in Australien schon wieder so früh und so viel Ärger macht. Vielleicht liegt’s am vielen Sand in der Luft in der australischen Steppe oder am Staub, den die Road Trains aufwirbeln, Australiens Lkw-Gespanne mit zwei oder drei Hängern, über 25 m Länge, um die 6 m Höhe und Kängurufänger statt Stoßstange. Mit Ausnahme des Hinterns, den Peter zum Glück rasch in den Griff bekam, fühlte ich mich aber körperlich und geistig voll auf der Höhe. Energiehaushalt und Gewichtsverlust waren im Plan.

16.10.2009 • Port Augusta - Kimba - Wudinna - Ceduna
Hatte es bei Dubbo außer den Tankstelle-und-Pub-Ansiedlungen wenigstens noch ab und an eine „echte” Kleinstadt gegeben, so war es den gesamten dritten Tag durch die Steppe gegangen. Nachts wurde das Begleitfahrzeug immer häufiger neben mich beordert, damit wir uns über irgendwas unterhalten konnten, immer hoffend, dass kein Road Train überholen will. Fast 70 Stunden im Sattel, Eintönigkeit fast ohne optische Reize und sehr gleichförmiges, leicht welliges Land forderten ihren Tribut. Wenigstens waren die Nachttemperaturen jetzt angenehm. Es war deshalb ein Wohltat, dass wir an Tag 4 die Zivilisation wieder erreichten: Port Augusta, eine der wenigen größeren Städte überhaupt in South Australia. Eigentlich auch die Gegend, wo im Januar  die Tour Down Under stattfinden wird, aber dass Australien mit Cadel Evans und Jack Bobridge gerade zwei Radweltmeister bekommen hatte und 2010 die Radweltmeisterschaften ausrichten wird, merkte man kaum. Dem verrückten Deutschen, der den ganzen Kontinent durchradeln wollte, begegnete man mit Respekt und Aufmunterung, aber animiert, selbst zu radeln, dürfte sich kaum jemand gefühlt haben. Was mir noch nicht ganz bewusst war, hatte aber mein Team bereits durchgerechnet: An Tag 3 hatte ich etwas, im Verlauf von Tag 4 so viel Zeit gutgemacht, dass der Rekord wieder in den Bereich des Möglichen rückte, wenn der fünfte Tag noch ähnlich gut laufen und mir der Wind genauso hold sein würde. Denn dass es jetzt top lief, lag auch daran, dass der Wind immer häufiger auch mal von hinten blies.

17.10.2009 • Ceduna - Yalata - Nullarbor Plain - Eucla
Ceduna heißt das Städtchen etwa 400 km westlich von Port Augusta, das ich nach 4 x 24 Stunden, also am Vormittag des 17.10. erreicht haben wollte. Bei 50 % der veranschlagten Zeit wollte ich auch bei etwa 50 % der Strecke sein. Seit der Anfahrt auf Port Augusta wehte der Wind durchweg seitlich bis von hinten, manchmal so stark, dass ich vorwärts rollte. Jetzt lag mein Schnitt über lange Strecken bei jenseits der 35 km/h. Mit dem Wind drehte sich auch die Einstellung. Hatte mich mein Team anfangs noch eher beruhigt – Durchkommen ist wichtig, Zeit ist egal –, so wurde ich jetzt ermuntert, auf die Tube zu drücken. In Ceduna war mit dem Dauerradeln, unterbrochen nur durch Kurzpausen zum Essen, erst einmal Schluss. Eine etwas längere Ruhe war nötig. Die Stopps wurden an Tag 4 und 5 generell „zielführender”. Gaby musste sich damit anfreunden, dass die warmen Mahlzeiten immer häufiger gestrichen wurden, weil strikt nach Rhythmus Pause gemacht und die Pausen immer kürzer wurden, was schließlich nur noch mit kaltem Imbiss vereinbar war: möglichst viele Kalorien in möglichst kurzer Pausenzeit für mich, ohne meine Verdauung dadurch zu überlasten. Denn am dritten Tag hatte der Magen schon mal rebelliert. Es war aber bei dem kurzen Schrecken geblieben und ich hatte mich rasch erholt. Bei der Ernährung hatte ich neben Bewährtem erstmals auf Squeezy Athletic gesetzt und machte damit beste Erfahrungen. Zum Glück kam pünktlich nach dem Erbrechen per Mail ein Tipp von Daniel Becke: Ich solle strikt auf regelmäßigen Flüssig/Fest-Wechsel achten, statt nur auf die Kalorienzufuhr. Gesagt, getan. Und der sich erholende Magen rebellierte bis Perth nicht ein einziges Mal mehr.

18.10.2009 • Eucla - Caiguna - Balladonia - Norseman
War der fünfte Tag noch durch den „interessanteren” Teil der Nullarbor Plain gegangen, weil man ab und an mal einen Blick auf die Steilküste und den Indischen Ozean südlich von South Australia werfen konnte, so wartete auf mich am sechsten Tag im Sattel, in der Westaustralischen Wüste das, was Nullarbor Plain, wörtlich „Baumlose Ebene”, ausmacht: nur Büsche, Gestrüpp und Sand, kaum ein Baum oder größerer Strauch – und die längste Gerade Australiens und möglicherweise der Welt: 146,6 km ohne eine auch noch so leichte Kurve. Ansiedlungen gibt es gar keine, nur ab und an ein Roadhouse, wobei man vom vorletzten, Caiguna, geschlagene 181 km zum letzen, Balladonia, kurbeln muss und von da weitere 190 km, bis mit dem Städtchen Norseman wieder menschliches Leben auf der Bildfläche erscheint. Nichts stört, weil nichts los ist. Man ist allein mit sich und den am Straßenrand stinkenden, von Road Trains überfahrenen Kängurus. Auf australischen Straßenkarten werden Teile der Strecke, obwohl asphaltiert, manchmal als „Piste” eingezeichnet, nicht als „Straße”. Entsprechend ist der Asphalt. Wir senkten schließlich sogar den Druck im Schlauch auf unter 6 bar, weil bei dem Geholper an den Aerolenker nicht zu denken war und Handballen und Karpal beim Dauergriff am Ober- und Unterlenker schmerzten. Nullarbor bedeutet aber auch absolute Regelmäßigkeit: Eintönigkeit draußen, bedingungloser Rhythmus entsprechend meinem körperlichen Zustand drinnen. Und so schaffte ich fast 30 Stunden am Stück im Sattel, unterbrochen nur durch Essenspausen, bevor die Batterien wieder mit einer etwas längeren Ruhe aufgetankt werden mussten. Immerhin hatte ich in dieser Einöde dank des günstigen Windes die 24-Stunden-Leistung an Tag 5 und Tag 6 auf gut jenseits der 550 km steigern können. Dabei ist Nullarbor vielleicht die größte psychische Herausforderung für Ultrafahrer und Begleitteam. Zwei komplette Tage lang, zwischen Ceduna und Norseman, fast 1200 km auseinander, gibt es an der Strecke nur ab und an ein Roadhouse, d.h. eine langweilige Tankstelle mit ein paar Caravanstellplätzen und einem Motel mit horrenden Preisen für Wasser. Denn natürlich vorkommendes Wasser gibt’s auf den 1200 km keines. Dass das Team in der Einöde manchmal Spalier stand, um mich aufzumuntern, gehört zu den angenehmsten Erfahrungen.

19.10.2009 • Norseman - Coolgardie - Bullabuling - Southern Cross

Zurück in der Zivilisation, in Norseman, konnte dann gefeiert werden, dass die Restkilometer „nur” noch dreistellig waren. Nach 6 x 24 Stunden im Sattel war ich schon so nah an Norseman heran, dass nun wirklich der Guinness-Rekord wieder gut möglich war. Vielleicht war es ein Omen, dass wir dort nach Norden auf den Coolgardie Esperance Highway, die „Straße der Guten Hoffnung nach Coolgardie”, wechselten. Nun ist Coolgardie eine von ein paar Kleinstädten auf den nächsten paar Hundert Kilometern, bevor hinter Southern Cross wieder das „normale” Leben beginnt. Aber nach Nullarbor ist die immer noch spärliche Besiedlung geradezu eine Wohltat. Nur beginnt hinter Coolgardie auch das westaustralische Hügelland, zwar ohne wirklich schwierige Berge, aber mit ziemlich welligem Gelände, das sich mit gut 3000 km in den Beinen doch reichlich bemerkbar macht. Immer wieder ging es mir durch den Kopf, dass ich die Gegend, durch die ich ja zwei Jahre zuvor schon einmal in die andere Richtung gefahren war, gar nicht so hügelig in Erinnerung hatte. Zunehmend machten sich auch Müdigkeit und Erschöpfung bemerkbar. Aber dennoch fand in dieser Gegend die zweite „Gewaltaktion” der Tour statt: Jetzt strikt, bis es nicht mehr geht, fahrend, gab es wieder nur kurze Pausen zur Nahrungsaufnahme, Material- und Gesundheitskontrolle, keine längere Ruhe. 27 Stunden bloß mit Kurzpausen im Sattel bedeuteten dann für mich jedoch, dass erst einmal Feierabend war. Als ich halluzinierte und wegen Hindernissen bremste, die gar nicht auf der Straße standen, wurde (Zwangs-) Ruhe eingelegt. Wir waren bereits in der Anfahrt auf Southern Cross, ca. 400 km von Perth entfernt, am frühen Morgen des 20.10. Hier war ich wohl an der Grenze des Leistungsvermögens meines Körpers. Mit einer Mütze voll Schlaf stieg ich wieder in den Sattel, naturgemäß reichlich erschöpft, aber trotz der vergangenen ca. 3600 km körperlich in guter Verfassung. Es wurde klar, dass die Zeit für den Guinness-Buch-Eintrag reichen würde. Neuer Ansporn und Motivationsschub. In der Gewissheit, dass ich am Abend des 20.10. zumindest noch den Großraum Perth erreichen würde, war die Geschwindigkeit weiter hoch. Außerdem wurde es jetzt wieder abwechslungsreicher: Ein Fernsehteam des Mitteldeutschen Rundfunks begleitete mich, und von einem aus dem Beifahrerfenster hängenden Kameramann gefilmt zu werden, muntert auch nach 3800 km noch auf.

20.10.2009 • Southern Cross - Northam - Midland - Perth (North Beach)
Ab Northam, 100 km vor Perth, begann die Besiedlung wieder dichter, schließlich städtisch zu werden. Es ging die Hänge des Darling Scarp zum Indischen Ozean hinunter, Blick auf das Lichtermeer von Perth. Noch schöner wäre eine Ankunft bei Tage gewesen. Aber so musste ich mich mit einer Ankunft mitten in der westaustralischen Nacht bescheiden. Bei Midland noch die richtige Abfahrt vom Great Eastern Highway erwischen! Als wir in die Nähe der Kernstadt von Perth kamen, war der Feierabendverkehr bereits vorbei, und als ich gegen Mitternacht den wenig befahreren Reid Highway Richtung North Beach unter den Reifen hatte, kämpfte schon die Euphorie mit der Erschöpfung. Die Erschöpfung von am Ziel 4006 km laut meinem Garmin Edge. Die Euphorie, auf jeden Fall unter der aktuellen, im Guinness-Buch eingetragenen Zeit geblieben zu sein. Großer Bahnhof am Strand, am Ziel. Leider nur wenig größer, als mein Team groß war. Aber das war ganz groß, unterwegs und am Zielstrand. An alles hatten sie gedacht. Nicht nur an Luftballons und Feierlaune, sondern auch daran, zwei Australier, die aus irgendeinem Grund nachts um halb drei noch in North Beach unterwegs waren, zu stoppen und zu unterschreibenden Zeugen meiner Ankunft zu machen. Jetzt sickerte auch bei mir endlich ein, dass ich nicht nur die offizielle Guinness-Buch-Rekordzeit geknackt hatte, sondern dass ich auch weit weniger als 8 Tage gebraucht hatte. Nach unserer kleinen, aber würdevollen Feier bestiegen wir unsere Wohnmobile und fuhren direkt zum Campingplatz. In Perth klappte dann auch ein Treffen mit dem Vorsitzenden der Rotary-Club-Sektion für Westaustralien. So schloss sich einen halben Tag nach der Ankunft auch dieser Kreis, wurde meine Fahrt als Botschafter gegen für den Kampf gegen Polio „rund”.

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